Wohltuend anders: "Quantett Johannes Kobelt" im Rathaussaal

Eigentlich war ich der Meinung, in bald 50 Lebensjahren alles musikalisch Mögliche von ganz alt bis ganz neu - mit Ausnahme von Techno­Konzerten - mehr oder weniger erlebt und sehr oft auch genossen zu haben. Und doch war die Begegnung mit dem "Quantett Johannes Kobelt" eine völlig neue Erfahrung. Es war - um es kurz zu machen - eine wunderbar neue Erfahrung: ein erfrischend vielgestaltiges Steinchen im Mosaik des Möglichen.

Seit 30 Jahren gibt es dieses Quantett. Drei schweizer Musiker (Katharina und Johannes Kobelt sowie Adrian Bodmer) spielten nicht nur 23 verschiedene Instrumente. Sie präsentierten auch die im Schweizer Humor daher kommenden Zwischentexte. Ferner machten sie die musikalischen Eigenschaften reiner Sprache bei verschiedenen Nationalitäten kurz vor Schluss durch Bodmer sehr heiter und zugleich sehr hintersinnig deutlich.

Eingepackt war das Ganze in fünf Aspekte, in fünf so genannte Quan­tettigkeiten: Ungarumänisches, Russisches, Schweizerisches, Klassisches, Jazziges. Dies alles erklang stets aus der Sichtweise des Quantetts Johannes Kobelt, das nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ überzeugte. Am Ende hatte dieses Quali-Quantett den gut zur Hälfte besetzten Rathaussaal in nahezu enthemmte Begeisterung versetzt.

Die erste Zugabe (Bandoneon, Violine, Kontrabass) klang anfangs sehr gekonnt nach dem "Tango nuevo" eines Astor Piazolla. Die zweite Zugabe war das berühmte "Air" von Bach in der Fassung für Violine, Bandoneon und Kontrabass. Sehr deut­lich und doch auch sehr innig gespielt wurden in dieser Fassung die verschiedenen Ebenen des Melodischen äußerst klar. Es war ein meisterhaf­tes, wenn auch instrumental ungewohntes Bachspiel wie bereits zuvor bei Choralvorspiel "Wachet auf, ruft uns die Stimme" (zudem aus dem Advent in den "wunderschönen Monat Mai" verlegt).

Man muss bereits dem stilsicheren Durchwandern unterschiedlichster musikalischer Idiome großen Respekt zollen. Noch mehr zu bewundern ist aber das schwierige, und doch stets exzellent gelungene Wechseln von einem Instrument zum anderen, vor allem bei den Blasinstrumenten.

Hier nochmals zur Erinnerung die Instrumente, jedes einzelne mit besonderen Erinnerungen verbunden, deren Fülle hier jeglichen Rahmen sprengen würde: Violine, Tanzmeistergeige, Trichtervioline, Violoncello, Bass-Domra, Kontrabass, Prim-, Alt- und Kontrabass-Balalaika, Tenor­Banjo, Zwerg-Concertina, Bass- und Kontrabass-Aeola, venezianische Gitarre, Django Reinhardt­Gitarre, Bandoneon, Schwyzerörgeli, Buchsbaum-Klarinette, Sopran- und Bass-Saxophon, Taschenkornett und anderes wie Hupen. Mehrere Instrumente waren so alt, dass man sich verstärkt wieder jung fühlte. Bis zu 400 Jahre alte Instrumente wurden zu wesentlich neuem Leben erweckt. Wertvolle Instrumente waren darunter wie die Violine und das Violoncello aus der Guarneri-Werkstatt.

Natürlich hatte dieses Programm auch eine circensische Dimension. Wie im Circus wurde man von einer Fülle an Unterhaltungsmöglichkeiten überschüttet. Ob man dabei beim Circus immer höchstes Niveau oder ab und an auch niedrigen Klamauk geboten bekommt, das wage ich nicht zu beurteilen. Beim Auftritt dieses Quantetts überzeugte stets inmitten oberflächlich, weil allzu heiter wirkende Darbietung, die weit verzweigte musikalische Professionalität. Diese war aber immer nur Mittel zum Zweck hochwertigster Unterhaltung.

Inmitten eines weiter gewordenen Europa bildet die Schweiz eine scheinbar eigenbrötlerische Insel. Aber nur auf solchen Inseln sind so vielgestaltige und weit ins Internationale hinein reichende Programme möglich. Und dieses so ganz andere, aber auch so vollkommen überzeugende Quantett-Konzert ist der beste Beweis dafür, der Schweiz inmitten eines wachsenden Europas ihre Individualität zu belassen. Es tut uns allen nur gut!
KK

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